13.07.2021

Der Stoff, aus dem nachhaltige Oberflächen sind – Birkenrinde wird vom Görlitzer Start-up nevi in Serienproduktion gebracht

„Nachhaltigkeit“ – dieses Schlagwort kommt vielen Firmenlenkern heute nur allzu häufig über die Lippen. Der Görlitzer Tim Mergelsberg bildet da keine Ausnahme – und macht doch einen Unterschied: Der Nachhaltigkeitsanspruch ist bei ihm nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern tagtägliche Geschäftspraxis. Der Unternehmer aus der Lausitz lebt das Prinzip des „Social Entrepreneurships“, das sich dem verantwortungsvollen, langfristig orientierten Umgang mit der Natur und unseren Mitmenschen verschrieben hat. Zu diesem Zweck gründete er im Jahr 2019 das selbsterklärte „Purpose-Unternehmen“ nevi, das Birkenrinde auf ressourcenschonende Weise zu umweltverträglichen und langlebigen Produkten verarbeitet. Die Rinde des Birkenbaums wird seit der Steinzeit vom Menschen als Rohstoff genutzt. Schon der Ötzi soll Lebensmittel in Dosen aus der antibakteriellen Birkenrinde aufbewahrt haben.

Einige Jahrtausende und Evolutionsschritte später will Tim Mergelsberg den Naturwerkstoff nun massentauglich machen. In Görlitz baut er eine Produktionsstätte auf, um die Birkenrinde im großen Stil zu industriell nutzbarem Oberflächenmaterial aufzubereiten. Doch die Coronapandemie machte zwischenzeitlich einen Strich durch seine Finanzplanung. Damit nachhaltiges Handeln nicht an kurzfristigen Geldengpässen scheitert, stellte die MBG jetzt über den Corona-Start-up-Hilfsfonds (CSH) neues Kapital bereit. Zuvor war sie bereits eine Mikromezzanin-Beteiligung an dem Start-up eingegangen.

Noch vor der Coronapandemie hatte nevi seine erste Produktlinie auf den Markt gebracht: „nevi betula handles“ steht für hochwertige Griffe, etwa für Türklinken, Fahrradlenker oder Rasierpinsel, die durch die Birkenrinde eine samtig-griffige Oberfläche mit natürlicher Optik erhalten. In den Görlitzer Werkstätten werden die Einzelstücke von behinderten Menschen per Hand zusammengesetzt. Um sie als Risikogruppe vor dem Coronavirus zu schützen, wurden die Werkstätten schon früh in der Pandemie geschlossen. Der Vertrieb läuft seither auf Sparflamme – gleiches gilt für die Investitionsbereitschaft potentieller Kapitalgeber. Dabei hat Tim Mergelsberg schon den nächsten Entwicklungsschritt vor Augen: Er will die Birkenrinde als Oberflächenmaterial für Innenräume etablieren: „Durch seine wasserabweisenden Eigenschaften eignet sich die Birkenrinde insbesondere für Nassräume, zum Beispiel als Bodenbelag für Duschen und Saunen,“ erklärt der nevi-Gründer. „Momentan verkleiden wir den Boden eines Yoga-Studios in einem alten Dresdner Gartenhaus komplett mit Birkenrinde.“ Auch Autohersteller haben bereits Interesse angemeldet, die Birkenrinde in das Interieur ihrer Fahrzeuge zu integrieren. Das vergrößerte Absatzpotenzial des Furniermarktes macht einen Ausbau der Produktionskapazitäten im Görlitzer Kühlhaus unabdingbar. Und der CSH macht dieses Investitionsprojekt nun der Krise zum Trotz auch finanzierbar. So kann Tim Mergelsberg seine Fertigungshallen mit moderner Technik ausstatten und weiterhin sein Team vergrößern.

Die naturbelassene Birkenrinde bezieht der Sozialunternehmer aus der sibirischen Taiga. Dort kam er einst bei seinem Freiwilligendienst in einer Holzwerkstatt mit dem nachwachsenden Rohstoff in Berührung, der ihn seither nicht mehr loslässt. Zu seinen Lieferanten, oftmals Familienbetriebe, pflegt er langjährige Beziehungen. Sie schälen die Rinde nach alter Tradition immer in der Wachstumsphase von den Birken, wenn sich die äußere Schicht von selbst ablöst – der Baum bleibt dem Wald also erhalten. Dabei ist es Tim Mergelsberg wichtig, seine Lieferanten fair zu entlohnen und finanzielle Planungssicherheit zu geben. In Sibirien lernte er auch das Handwerk um die Birkenrinde, das er mit nach Görlitz brachte, beständig weiterentwickelte und sich patentieren ließ:

Bei dem „Blockbauverfahren“ werden mehrere gereinigte und zugeschnittene Rindenschichten verklebt und zusammengepresst. Der Prozess beinhaltet noch viel Handarbeit, aber: „Mit dem Erfahrungswissen, das ich mit meinen Wegbegleiterinnen und -begleitern über viele Jahre hinweg sammeln durfte, können wir die Birkenrinde heute maschinell in großen Mengen verwertbar machen und dabei gleichbleibende Qualitäten sicherstellen, wie sie für die weiterverarbeitende Industrie essenziell sind.“ Derzeit ist nevi der weltweit einzige Anbieter für Furnier aus Birkenrinde. Dabei war der Werkstoff in der Menschheitsgeschichte lange omnipräsent. Mit der Industrialisierung verlor er aber an Bedeutung, da die Birke nicht nach Industrienormen wächst und anspruchsvoll in der Bearbeitung ist. Tim Mergelsberg will dem Schattendasein der Birkenrinde nun ein längst überfälliges Ende setzen, indem er sie zum „serienfähigen“ Oberflächenmaterial macht.

Der Innovationsgeist des aktuell fünfköpfigen nevi-Teams ist derweil noch lang nicht erschöpft. Mit dem Fraunhofer Institut in Halle forscht das Start-up an einem nahezu 100 % natürlichen Klebstoff. Zudem ist man dabei, eine Kunststoffalternative zur Marktreife zu entwickeln, die aus den Abfallprodukten der Birkenrinde hergestellt wird. Mit seinem konsequenten Vorgehen erntet der nevi-Chef auch bei dem MBG-Beteiligungsmanager Vincent Kretzschmar große Anerkennung: „Der Gründer Tim Mergelsberg ist ein Musterbeispiel für einen nachhaltig handelnden Unternehmer, der mit viel Ideenreichtum und dem nötigen Durchhaltevermögen immer wieder innovative Produktionsmöglichkeiten und Verwendungszwecke für die Birkenrinde erschließt.“ Der Geschäftsmann betrachtet Gewinne dabei nicht als das ultimative Ziel, sondern als Mittel zum Zweck, um weitere Innovationen zu finanzieren und gemeinnützige Projekte zu unterstützen. Für seine sinngetriebene Firma hat er daher eine besondere Eigentumsstruktur gewählt: Neben ihm als Gründer und Mehrheitseigener ist die Purpose-Stiftung an nevi beteiligt. „Die Form der stillen Beteiligung, in der das CSH-Kapital bereitgestellt wird, verträgt sich sehr gut mit unserer Firmen-DNA: Alle strategische Entscheidungsgewalt soll bei uns im Team bleiben, das nevi gemeinschaftlich trägt und vorantreibt.“ Zugleich fühlt sich Tim Mergelsberg der Region verpflichtet. Er will den Strukturwandel in der Lausitz aktiv mitgestalten und perspektivisch ein Kompetenzzentrum für nachwachsende Rohstoffe aufbauen. Und so macht am Ende alles nur noch mehr Sinn.

 

Über den Corona-Start-up-Hilfsfonds

Der Corona-Start-up-Hilfsfonds (CSH) richtet sich an wissensbasierte, technologieorientierte Start-ups in Sachsen, die durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie in Liquiditätsschwierigkeiten geraten sind. Über den CSH werden Eigenkapital oder eigenkapitalähnliche Mittel in Form von stillen Beteiligungen für sächsische Start-ups bereitgestellt. Der Fonds wird von der MBG verwaltet und von dieser gemeinschaftlich mit Bund (KfW) und Freistaat (SAB) finanziert.

Der CSH steht branchenübergreifend allen jungen Unternehmen mit innovativen und zukunftsträchtigen Produkten, Dienstleistungen oder Verfahren offen, die einen sozialen und/oder ökologischen Nachhaltigkeitsansatz verfolgen und ihren Sitz oder Geschäftsschwerpunkt in Sachsen haben. Anträge werden von der MBG entgegengenommen und bearbeitet. Weitere Informationen sind online verfügbar unter: http://www.mbg-sachsen.de/beteiligungen/start-up-hilfsfonds/

 

Bildquelle: nevi GmbH – Paul Glaser