19.04.2021

Digitalisierung, die mehr ist als Fassade – Chemnitzer Start-up Federmeister macht das Handwerk technologisch fit

Automatisierung im Handwerk beschränkt sich schon lang nicht mehr darauf, mechanische Arbeit von computergesteuerten Maschinen verrichten zu lassen. Digitale Tools können Handwerker vielmehr auch bei der Büroarbeit, dem oftmals unliebsamen und zugleich unumgänglichen Teil ihres Jobs, entlasten. Doch Verwaltungsaufgaben zu digitalisieren bedeutet weit mehr, als Bestell- und Auftragsformulare per WhatsApp zu versenden – nur damit der Kunde oder Lieferant sie dann ausdruckt, händisch ausfüllt und per Post zurückschickt. Denn so bleibt das eigentliche Potenzial der neuen Technologien heute meist noch unausgeschöpft. Das will die junge Federmeister GmbH aus Chemnitz ändern. Der Fachbetrieb für Fassadenrenovierung optimiert Alltagsaufgaben wie die Angebotserstellung oder Gebäudevermessung unter Nutzung von Künstlicher Intelligenz.

Federmeister liefert aber auch handfeste Arbeit ab: Für die Umsetzung der maßgeschneiderten Fassadenlösungen kooperiert die Firma mit Handwerkspartnern aus der Kundenregion, während Federmeister-Bauleiter den Bauprozess vor Ort steuern und überwachen. Die symbiotische Verknüpfung von Handwerk und Digital-Business imponierte auch der MBG, die über den Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS) frisches Kapital bereitstellte und zusammen mit der Beteiligungs-Managementgesellschaft Hessen (BMH) bei Federmeister einstieg.

Nach der Gründung im Oktober 2019 war die Zeit nun reif für den nächsten Entwicklungsschritt, wie Federmeister-Gründer und -Geschäftsführer Daniel Herr erklärt: „Mit dem Investment des Technologiegründerfonds Sachsen können wir finanziell gestärkt in die Wachstumsphase starten und unsere Technologieprojekte weiterentwickeln. Dabei setzen wir gezielt auf Künstliche Intelligenz, um datenbasierte Geschäftsprozesse zu automatisieren und so zu beschleunigen.“ Neben dem Hauptsitz in Chemnitz und einem Vertriebsbüro in Gießen baut Federmeister aktuell einen Technologie-Standort in Leipzig auf. Für private Bauherren, die Kernzielgruppe von Federmeister, gestaltet sich die Technologie intuitiv: Sie füllen einen simplen Online-Fragebogen aus, um ihre persönliche Wunschfassade konfigurieren zu lassen. Dabei können sie zwischen verschiedenen Konstruktionen und Fassadenmaterialien wie Holz, Metall oder Faserzement wählen. Auch Materialmixe sind möglich. Zur Steigerung der Energieeffizienz werden außerdem verschiedene Wärmedämmungen angeboten. Nun braucht der Kunde nur noch ein Foto seines Gebäudes hochzuladen, über das automatisch die Fassadenfläche errechnet und schließlich ein individuelles Angebot generiert wird. Das Federmeister-Team berät die Kunden auch zu Fördermitteln. Denn energetische Sanierungen werden über verschiedene staatliche Programme subventioniert, da sie die Ökobilanz der Immobilie verbessern.

Von der Künstlichen Intelligenz, wie sie Federmeister einsetzt, profitieren neben den Kunden auch die Partner-Handwerker. Ein Teil des neu eingesammelten Investoren-Kapitals soll in den Ausbau einer speziellen Handwerker-Plattform fließen, über die sich administrative Aufgaben wie die Baustellendokumentation oder Abrechnung effizient abwickeln lassen. Die Zeitersparnis dürfte sich hierbei in bares Geld ummünzen. Gerade in Sachsen, dem Bundesland mit der höchsten Handwerkerdichte, zählen laut aktueller Statistik über 80 % der Handwerksbetriebe weniger als zehn Angestellte. Das heißt im Klartext: Der Chef ist in den meisten Fällen selbst mit am Werk und hat für Büroarbeit oft nur spät am Abend oder Wochenende Zeit.

„Mit unserer Plattform können sich die Handwerker wieder voll und ganz auf das konzentrieren, was sie am besten können: ihr Handwerk,“ bringt es Daniel Herr auf den Punkt. Als Teil des Federmeister-Netzwerks haben sie aber auch einen unmittelbaren ökonomischen Nutzen: „Wir akquirieren nicht nur Aufträge für die Handwerker, sondern übernehmen auch den Materialeinkauf und schonen damit ihre Liquidität.“ Die verschiedenen Gewerke, die an den Fassadenarbeiten beteiligt sind, werden von einem eigenen Federmeister-Bauleiter koordiniert. Er ist zugleich zentraler Ansprechpartner für den Kunden, der sich nicht länger um die Kommunikation und Abstimmung mit den Handwerkern kümmern braucht.

Was in der Theorie vielversprechend klingt, hat sich auch schon in der Praxis bewährt. So weiß TGFS-Investment-Managerin Elfi Lange zu berichten: „Mit seinem erfolgreichen Marktstart in der Pilotregion Rhein-Main konnte Federmeister bereits aufzeigen, dass die digitalen Lösungen zur Fassadensanierung auch im Live-Betrieb funktionieren und Handwerker wie Endkunden die eigenentwickelten Technologie-Plattformen dankbar annehmen.“ Aus der Pilotregion stammt auch der neue Lead-Investor, über den Elfi Lange sagt: „Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Beteiligungs-Managementgesellschaft Hessen mbH in der aktuellen Finanzierungsrunde schätzen wir sehr und blicken dem gemeinsamen Weg freudig entgegen.“ Unterdessen will das Federmeister-Team weitere Metropolregionen erschließen und das Geschäftsmodell sukzessive in ganz Deutschland ausrollen. Daniel Herr, der als Betriebswirt über 10 Jahre in der Baustoffindustrie tätig war, bringt Fachwissen und Branchen-Knowhow im Bereich Gebäudefassaden mit. Er war Ideengeber und Initiator des Projektes Federmeister, für das er zwei starke Mitgründer begeistern konnte: Den einstigen Weltklasse-Leichtathleten Rico Lieder aus Chemnitz, der selbst als Unternehmer und Business Angel für Start-ups aktiv ist, sowie Santhosh Jayaprakash, Serial-Entrepreneur und Digital-Experten für Künstliche Intelligenz und Cloud-Technologie. Die Idealvorstellung von einem komplementären Gründerteam hat Federmeister damit erfüllt und zeigt mit seiner geballten Manpower: Hinter der Künstlichen Intelligenz stehen echte Menschen mit jeweils ganz eigenen Kompetenzen.

Bildquelle: Federmeister GmbH