04.02.2021

Musikhören gegen den Tinnitus – ‚In Harmony‘ App von Dresdner Start-up gibt den Ton an

Die Corona-Pandemie hat Sachsen weiter fest im Griff und viele Bereiche der Gesellschaft aus der Balance gebracht. Während das Gesundheitssystem mehr als alle Hände voll zu tun hat, operieren etliche Unternehmen notgedrungen im Minimalmodus. In diesem Spannungsverhältnis bewegt sich auch die Tech & Life Solutions GmbH (kurz: Tech & Life), die an der Technischen Universität Dresden eine einzigartige Therapie-App für Tinnitus-Patienten entwickelt hat. Bei dem Start-up zeigen sich die paradoxen Auswirkungen der Pandemie in aller Deutlichkeit: Einerseits führt das Corona-bedingt erhöhte Stresslevel bei Betroffenen zu einer stärkeren Tinnitus-Belastung, wie eine aktuelle Studie einer internationalen Forschungsgemeinschaft aufdeckte. Andererseits behinderte die Pandemie den Launch der Tinitus-App „In Harmony“, die Leidtragenden Abhilfe verschaffen könnte. Sie bettet den individuellen Tinnitus-Ton harmonisch in Musikstücke ein, so dass er mit den Schwallwellen regelrecht davonschwimmt.

Die Corona-Krise jedoch erschwerte nicht nur die klinische Validierung und damit den Rollout der Tinnitus-App, sondern auch das Einwerben von Investments auf dem freien Kapitalmarkt. In dieser unverschuldeten Notlage wirkte die MBG als Korrektiv: Sie sicherte die Zukunft von Tech & Life, indem sie über den Corona-Start-up-Hilfsfonds dringend benötigtes Kapital bereitstellte. An der Finanzierungsrunde beteiligten sich weiterhin der Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS) sowie der private Business Angel Boris Habets.

Kurz vor Pandemiebeginn hatte Tech & Life noch legislativen Aufwind erhalten: Im Dezember 2019 war das Digitale-Versorgung-Gesetz in Kraft getreten, demnach Gesundheits-Apps vom Arzt verordnet und von Krankenkassen erstattet werden können. Für die erforderliche Zertifizierung als Medizinprodukt muss der App-Anbieter die Wirksamkeit und positive Nutzen-/Risikobewertung jedoch zunächst von einem unabhängigen Institut untersuchen und bestätigen lassen. An dieser Stelle durchkreuzte die Coronakrise den Plan: Sie verzögerte die klinische Studie, die Anfang 2020 am Universitätsklinikum Dresden beginnen sollte, und verschob somit den gesamten Meilenstein-Plan um Monate nach hinten: Ohne erfolgreich abgeschlossene Studie konnte In Harmony weder für Selbstzahler, noch über die Krankenkassen zugänglich gemacht werden. Gleichzeitig zogen sich Investoren in eine Abwarte-Haltung zurück. So spitzte sich die wirtschaftliche Situation im Verlauf der Krise immer weiter zu. Doch die Gründer Martin Spindler und Matthias Lippmann hielten trotz persönlicher finanzieller Einbußen weiter an ihrer App fest. Ihr unerschütterlicher Wille wurde schließlich von der MBG mit einer Kapitalzuwendung honoriert. Aus Martin Spindler spricht die Erleichterung, wenn er sagt: „Die MBG hat uns genau zum richtigen Zeitpunkt neuen finanziellen Antrieb gegeben. Durch das Investment hat sich das Blatt für uns noch einmal zum Guten gewendet. Unser Durchhaltevermögen hat sich ausgezahlt und wir konnten gerade noch rechtzeitig zu unserer Liquidität zurückfinden.“

Manche hören ein Pfeifen, andere ein Brummen und wieder andere ein Piepen: Betroffene nehmen den Tinnitus subjektiv unterschiedlich wahr, da er losgelöst von einer äußeren Geräuschquelle im Gehirn erzeugt wird. Besonders die rund 4 % der Bevölkerung, die unter chronischem Tinnitus leiden, empfinden die wiederkehrenden Ohrgeräusche oft als massive Belastung. Die In Harmony App wirkt dem entgegen, indem Patienten anhand von einstellbaren Vergleichsklängen zunächst ihre individuelle Tinnitus-Frequenz bestimmen. Diese individuelle Frequenz gibt dann wie eine Stimmgabel die Tonart vor, auf die die Lage sämtlicher Töne eines Musikstücks hin angepasst wird. Die App erbringt diese Adaptionsleistung automatisch und ohne dabei den natürlichen und harmonischen Klangcharakter zu verfremden. Die Nutzer bekommen die Musikstücke also in einer neu vertonten, wohlklingenden Form zu hören, die den Tinnitus gezielt umspielt und verdeckt. Den besonderen Mehrwert der App erkannte auch die MBG, deren Beteiligungsmanagerin Elfi Lange festhält: „Das Team der Tech & Life Solutions GmbH ermöglicht Tinnitus-Patienten mit seinem Produkt In Harmony eine sofortige und nachwirkende Linderung des Tinnitus-Schmerzes im Alltag. Mit unserem Investment unterstützen wir ein weiteres Start-up auf dem Weg zur Zulassung als digitale Gesundheitsanwendung (DiGA).“ Die Hilfsfonds-Zusage hatte Signalwirkung auf dem Kapitalmarkt: Sie verschaffte Tech & Life weitere Investments aus dem Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS) und von Business Angel Boris Habets. Als Gründer von Quoniac hatte er selbst vom TGFS profitiert und zuletzt einen erfolgreichen Exit vollzogen. Damit bringt er neben Kapital auch wichtiges Gründungs-Know-how ein. „Wir freuen uns über die gemeinsame Umsetzung der Finanzierungsrunde mit Boris Habets, die sich vor allem durch eine schnelle und partnerschaftliche Zusammenarbeit auszeichnet“, ergänzt Elfi Lange von der MBG.

Gründer-Team: Matthias Lippman, Martin Spindler, Steven Mack (v. l. n. r.)


Ideengeber für die In Harmony-Technologie ist der tschechische Komponist Bedrich Smetana, der seinen eigenen Tinnitus 1876 in dem Werk „Aus meinem Leben“ umspielte. Seinen Ansatz griffen der Informatiker Martin Spindler und der Elektro- und Umweltechniker Matthias Lippmann in einem interdisziplinären Forschungsprojekt an der Technischen Universität Dresden auf und überführten ihn ins Zeitalter der digitalen Musik. „Als das Projekt 2017 auslief, betrachteten wir es als unsere Pflicht, die Forschungsergebnisse nicht versiegen zu lassen, sondern für Tinnitus-Geplagte im größeren Stil nutzbar zu machen“, erinnert sich Martin Spindler. Er begeisterte sich schon als Schüler für die digitale Audioproduktion. Auch die In Harmony-App nutzt letztlich einen Audioeffekt, wenn sie eine Musikdatei in einer adaptierten Version wiedergibt. Bei der derzeit laufenden klinischen Studie hören die Probanden zum Zweck der Vergleichbarkeit ein Set von vordefinierten Songs. „In Zukunft sollen Betroffene auch ihre persönliche Lieblingsmusik in die App laden können. Wir möchten unseren Usern die Möglichkeit bieten, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden“, erklärt Martin Spindler. „Die Audiodaten werden dann auf Basis einer Algorithmik analysiert und automatisch an den persönlichen Tinnitus-Ton angepasst.“ Dabei lässt sich die modifizierte Musik auch über die Soundanlage zu Hause oder das Autoradio wiedergeben und selbst mit Hörgeräten koppeln. Somit wird die In Harmony-App zum Alltagsbegleiter, die mobiles Tonstudio und Therapiezentrum in Einem ist.

Bildquelle: Tech & Life Solutions GmbH