20.01.2021

Denn Bewegung beginnt im Kopf: Schlaganfallpatienten reaktivieren gelähmte Körperteile mit VR-Software Rehago

Ganz ehrlich: Haben Sie sich für 2021 auch vorgenommen, mehr Sport zu treiben? Wer schon einmal mit diesem guten Vorsatz ins neue Jahr gestartet ist, weiß aus eigener Erfahrung: Es erfordert enorm viel Willensstärke, sich regelmäßig zum Workout aufzuraffen. Schon gesunden Menschen fällt es oft nicht leicht, den inneren Schweinehund zu überwinden - wie schwer muss es dann erst für erkrankte Menschen sein, sich zur Bewegung zu motivieren? Dabei ist die körperliche Ertüchtigung enorm wichtig für den Rehabilitationsprozess nach einem gesundheitlichen Einschnitt. Dies gilt gerade auch wenn das Gehirn Schaden genommen hat, wie etwa bei einem Schlaganfall oder Sturz auf den Kopf, und dadurch eine Körperhälfte nicht mehr bewegt werden kann.

Allein in Deutschland erhalten jedes Jahr rund 500.000 Menschen die Diagnose „halbseitige Lähmung“. Ihnen schenkt das Leipziger Start-up ReHub neue Hoffnung: Seine eigenentwickelte Virtual Reality (VR) Anwendung „Rehago“ verknüpft ergotherapeutische Übungen mit Elementen aus der Welt des Gamings, um Patienten spielerisch zum Training anzuspornen und so den Reha-Prozess zu beschleunigen. Die Corona-Pandemie hingegen verzögerte die flächendeckende Einführung der Gesundheitsanwendung. Vor diesem Hintergrund investierte die MBG nun über den Start-up-Hilfsfonds in ReHub und sorgte so dafür, dass es für Anbieter und Nutzer der Gaming-Software bald schon heißen kann: „Welcome to the next level“.

Das Coronavirus machte gesundheitlich benachteiligte Menschen und damit das Hauptnutzersegment von Rehago im Frühjahr 2020 zur Hochrisikogruppe. Entsprechend schwierig gestaltete es sich für ReHub, Probanden für Nutzertests sowie Pilotkunden zu erreichen. Auch Vertriebstermine in medizinischen Einrichtungen waren schwer zu bekommen. Um die Erprobung und Verbreitung von Rehago dennoch weiter vorantreiben zu können, brachte die MBG neues Kapital aus dem Corona-Start-up-Hilfsfonds ein. Den Kontakt zur MBG hatte der Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS) hergestellt, der sich an einer früheren Finanzierungsrunde beteiligt hatte. Im Zuge dessen war die 2018 in Reutlingen gegründete ReHub GmbH nach Leipzig umgesiedelt. Gleich mehrere Argumente sprachen für die neue Wahlheimat, wie CEO Philipp Zajac erklärt: „Wir haben uns bewusst in Sachsen niedergelassen, weil wir in diesem Teil der Republik eine florierende Förderlandschaft für Start-ups vorgefunden haben. Die Investoren hier sind uns und unserer unkonventionellen Reha-Anwendung mit einer vergleichsweise großen Offenheit und Risikobereitschaft begegnet. Dies hat sich auch bei unserer jüngsten Zusammenarbeit mit der MBG bestätigt.“ In einer Stadt wie Leipzig mit ihrer pulsierenden Start-up-Szene ist das ReHub-Gründungsteam, dem neben Philipp Zajak noch Johannes Höfener, Anika Ochsenfahrt und Melanie Schweis angehören, jedenfalls in bester Gesellschaft. Dass die Führungsmannschaft aus Männern und Frauen besteht, verspricht laut einer aktuellen McKinsey Studie zur Genderdiversität einen überdurchschnittlichen Wirtschaftserfolg. ReHub ist ohnehin rundum divers aufgestellt: Fast jeder zweite der 17 Mitarbeitenden hat ausländische Wurzeln.

Gründungsteam: Anika Ochsenfahrt, Philipp Zajac, Melanie Schweis, Johannes Höfener (v. l. n. r.)


Die Rehago-Software hilft Patienten mit halbseitigen Lähmungserscheinen, ihre Motivation zur körperlichen Aktivität nachhaltig zu steigern und aufrecht zu erhalten. Solang sich die Betroffenen in einer Klinik oder Praxis und unter Aufsicht von Therapeuten befinden, wird das Reha-Training meist noch konsequent verfolgt. Mit der Rückkehr nach Hause beginnt dann der Teil des langwierigen Rehabilitationsprozesses, der deutlich mehr Eigeninitiative erfordert: Das selbständige, oft nur durch Handzettel angeleitete Trainieren. Rehago hat die Therapie-Übungen nun in 3D-Videospiele übersetzt, in die man mittels einer Virtual-Reality-Brille voll eintauchen kann. Zusätzlich erhöhen Gamification-Elemente wie Trophäen und Level-Aufstiege den Anreiz, regelmäßig zu trainieren. Was genau die MBG zur Unterstützung von ReHub motiviert hat, erläutert Tobias Voigt, Leiter Start-up-Investments: „Als soziales Start-up nutzt ReHub moderne Virtual-Reality-Technologie, um einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten: Die Rehago Trainings-Software unterstützt körperlich eingeschränkte Menschen auf kurzweilige Weise dabei, den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu finden. Mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz ist der Grundstein dafür gelegt, dass die virtuelle Anwendung bald schon auf Rezept für alle Betroffenen zugänglich wird und ihnen den Rehabilitationsprozess erleichtern kann.“ Schon heute erntet ReHub in Fachkreisen viel Anerkennung und Respekt: Aus einem Studienprojekt an der Universität Tübingen hervorgegangen, haben Auszeichnungen wie der Eugen-Münch-Preis für Medizininnovation und der Deutsche Nachhaltigkeitspreis für Start-ups die Rehago-Software endgültig zur ernst zu nehmenden Gesundheitsanwendung gemacht.

So neuartig die VR-Technologie hinter Rehago ist, so altbewährt ist die zugrunde liegende Spiegeltherapie-Methode. Dabei trainiert der Patient mit dem gesunden Körperteil, während ein Spiegel oder eben ein VR-Bild die Illusion erzeugt, als bewege sich die gelähmte Komplementärpartie. Doch wie lässt sich diese Illusion in die Realität verwandeln? Die Erklärung liefert Philipp Zajac: „Das Gehirn ist unsere Steuerungszentrale: Sind die motorischen Gehirnareale geschädigt, werden die gegenüberliegenden Körperteile nicht mehr angesteuert und bleiben bewegungslos, auch wenn sie noch funktionsfähig sind. Um sie zu reaktivieren, müssen sukzessive neue motorische Strukturen im Gehirn aufgebaut werden. Diesen Rehabilitationsprozess fördert Rehago, indem Patienten zu regelmäßigen Übungen animiert werden, was dem Gesundheitssystem wiederum Kosten für Folgebehandlungen spart.“ Wenn die Pilottests planmäßig abgeschlossen werden, kann Rehago im Frühjahr 2021 vorläufig für ein Jahr als digitales Medizinprodukt zugelassen und damit auch von Krankenkassen erstattet werden. Die Software soll dann im Komplettpaket mit einer handelsüblichen VR-Brille bereitgestellt werden. Neben weiteren, neurowissenschaftlich fundierten Spielen feilt das ReHub-Team aktuell an einer separaten App, mit der Therapeuten aus der Ferne den Trainingsfortschritt überwachen oder neue Übungen vorschlagen können. Durch das Heimtraining mit der mobilen Rehago-Lösung bleiben den Patienten und ihren Therapeuten lange Wege und unnötige Kontakte erspart. So kann ReHub dem Coronavirus, der die Unternehmensentwicklung kurzzeitig bedrohte, letztlich doch noch ein Schnippchen schlagen und für Betroffene eine wertvolle Hilfe sein.


Bilder:

Patient/in mit Regaho: Wolfgang Armbruster, Blendwerk Freiburg

Teamfoto und Screenshots: ReHub GmBH