28.12.2020

Damit es nicht bei heißer Luft bleibt – Chemnitzer Start-up EcoSyst erfindet Raumklimatisierung neu

Sie gilt vielen Sachsen als eine der wichtigsten Errungenschaften der Wiedervereinigung: die Freiheit, Länder in aller Welt zu bereisen. Die Corona-Pandemie hat es unausweichlich gemacht, der heute selbstverständlichen Reisefreiheit vorübergehend wieder Grenzen zu setzen – zum Leidwesen von Unternehmen, die auf internationale Geschäftsbeziehungen angewiesen sind. Dazu gehört auch die EcoSyst GmbH aus Chemnitz. Das Start-up hat eine Klimatisierungstechnologie für das energieeffiziente und CO2-neutrale Kühlen und Heizen von Gebäuden entwickelt. Die innovativen Klimaelemente erlauben es sogar, unter dem Taupunkt zu kühlen – und zwar ohne dass sich wie üblich Kondenswasser absetzt und die Bausubstanz schädigt.

Aufgrund der einzigartigen Kühlmethode sind die EcoSyst Module insbesondere für den Einsatz in warmen Klimazonen prädestiniert. Die Markteinführung in diesen Ländern kam durch die Corona-Pandemie jedoch ins Stocken bevor sie überhaupt richtig angelaufen war. Die Reisebeschränkungen machten es für Gründer Jörg Viertel unmöglich, potentielle Kunden und Geschäftspartner im Ausland zu besuchen. Fachmessen fielen als Vertriebsplattformen ebenfalls weg. Um EcoSyst dennoch liquide zu halten, stellte die MBG jetzt über den Corona-Start-up-Hilfsfonds neues Kapital bereit. Damit ist das junge Unternehmen in der Lage, die finanzielle Dürreperiode bis zum effektiven Marktstart zu überbrücken.

Das Jahr 2020 hatte sich Jörg Viertel wahrlich anders vorgestellt: Nachdem er die EcoSyst Klimaelemente in aufwändiger Forschungs- und Ingenieursarbeit zur Marktreife gebracht hatte, stand er zum Jahresbeginn in den Startlöchern, um seine Neuentwicklung rund um den Globus zu präsentieren: „Zur Geschäftsanbahnung waren Reisen nach Frankreich, Griechenland, Portugal, Österreich, Bulgarien, Rumänien, Costa Rica, USA und etliche weitere Länder geplant.“ Doch Corona hatte andere Pläne. Notgedrungen musste der Chemnitzer Unternehmer auf Videokonferenzen ausweichen und dabei feststellen: „Für den Aufbau von Kundenbeziehungen und die Demonstration der Produkte ist der persönliche Kontakt erfolgsentscheidend und nicht durch virtuelle Meetings zu ersetzen.“ De facto vergingen mit jeder Woche, in der er nicht ins Ausland reisen konnte, sieben Tage ohne neue Umsätze, aber mit fortlaufenden Kosten. Erschwerend kam hinzu, dass sich in der Krise auch die meisten Investoren sehr reserviert und abwartend zeigten. Nicht so die MBG, die Jörg Viertel schließlich finanzielle Erleichterung verschaffte: „Die Gelder aus dem Corona-Start-up-Hilfsfonds ermöglichen uns, die Lücken in unserer Finanzplanung zu schließen und trotz anhaltender Pandemie weitere Produkte auf Basis unserer fortschrittlichen Klimatisierungstechnologie zur Serienreife zu führen.“

Vor allem in warmen Erdteilen laufen Klimaanlagen fast ununterbrochen und sind echte Energiefresser: Bei herkömmlichen Systemen müssen riesige Luftmengen gekühlt und entfeuchtet werden. Dabei entstehen wiederum große Mengen CO2. EcoSyst verwendet für den Energietransport hingegen Wasser statt Luft, was deutlich effizienter ist: Ein Liter Wasser speichert und transportiert die gleiche Energiemenge wie 3000 Liter Luft. Wird Wasser für die Klimatisierung verwendet, verringert sich somit auch der CO2-Ausstoß. Zudem entfällt der störende Luftzug und Geräuschpegel von Gebläsen oder Ventilatoren, wie sie für luftbasierte Systeme typisch sind. Welche Gründe aus Investorensicht für EcoSyst sprechen, erklärt MBG-Beteiligungsmanagerin Katharina Gomes: „Die EcoSyst GmbH bietet mit ihrer Klimatisierungstechnologie eine innovative und zugleich nachhaltige Lösung für das länderübergreifende Problem von aufgeheizten Innenräumen, das durch die globale Erwärmung nur noch weiter verschärft wird. Da die Klimaelemente von EcoSyst nicht nur Energie, sondern auch Betriebskosten sparen, sehen wir ein großes Marktpotenzial. Mit dem Investment aus dem sächsischen Start-up-Hilfsfonds stellen wir sicher, dass die internationale Verbreitung dieser sächsischen Erfindung nicht an Corona scheitert.“ Noch vor der Krise, im Mai 2019, war die MBG eine erste Beteiligung an EcoSyst eingegangen und hat so die Entwicklungsarbeit unterstützt, die in Fachkreisen viel Anerkennung findet: Für seine Technologie wurde das Start-up mit dem IQ Innovationspreis Mitteldeutschland 2019 im Cluster Energie/Umwelt/Solarwirtschaft ausgezeichnet.


Um den Mehrwert der Technologie zu verstehen, ist ein kurzer Ausflug in die Physik nötig: In den EcoSyst Klimaelementen transportiertes Wasser gibt seine Energie über die Oberfläche der Elemente strahlenförmig an den Raum ab. Werden die EcoSyst Klimaelemente unter dem Taupunkt gekühlt, entsteht im Gegensatz zu vergleichbaren Systemen kein Kondensat an der zu kühlenden Oberfläche. Die eingesetzte Calciumsilikatplatte, welche das Kondenswasser aufnimmt, verhindert Schimmelbildung in der Bausubstanz. Der Lehmputz absorbiert zusätzlich Keime und Schadstoffe aus der Raumluft und reguliert die Luftfeuchtigkeit. Auf diese Weise machen die Klimaelemente ein natürliches Heizen und Kühlen ohne schädliche Kondensatbildung und mit organisch zirkulierender Luft möglich. Auch eine zum Patent beantragte Produktionsanlage hat EcoSyst schon entwickelt: Damit können Vertriebspartner die Klimamodule künftig direkt vor Ort in den einzelnen Ländern herstellen, wo sie sowohl in Neubauten als auch bei Sanierungen einsatzbar sind. So können die Elemente zum Beispiel in Schulen, Krankenhäusern, Supermärkten, Hotels, Bürogebäuden oder Wohnhäusern an der Decke installiert werden. Wenn es nach Jörg Viertel geht, sorgen die EcoSyst Klimaelemente bald in öffentlichen und privaten Gebäuden in aller Welt für eine angenehme Temperatur, eine verbesserte Luftfeuchtigkeit und eine keimfreie Luft mit natürlicher Zirkulation, kurz: für ein rundum gesundes Raumklima – ein unsichtbarer Zustand, dessen Bedeutung jedoch gerade jetzt in der Corona-Pandemie immer mehr Menschen bewusst wird.

 

Bildquelle: EcoSyst GmbH