06.01.2020

Aus dem Kreißsaal zum Startup-Pitch – Ärztin digitalisiert Personalvermittlung in der Medizin mit SeDiDoc

Der vermeintliche Ärztemangel hält Medien und Bevölkerung in Deutschland weiter in Atem. Aufgrund fehlender Fachkräfte in der Medizin müssen Patienten hierzulande nicht selten monatelang auf Arzttermine warten; OPs werden verschoben oder gar komplett abgesagt. Nicht nur auf dem Land, sondern auch in den schnell wachsenden Ballungszentren wird die Situation zunehmend prekärer. Dabei hat die Bundesrepublik im Vergleich zu anderen OECD-Staaten eine der höchsten Ärztedichten: Auf 10.000 Einwohner kommen laut Faktencheck Gesundheit im Schnitt 38 praktizierende Ärzte. Doch etliches Potential liegt brach. Die vorhandenen Ressourcen werden in Deutschland schlichtweg nicht ausgeschöpft – diese durchaus provokante These vertritt Dr. med. Dilan Sinem Sert.

Die promovierte Ärztin, die selbst in der Geburtshilfe und Gynäkologie arbeitete, kennt die Herausforderungen der Personalbeschaffung an Kliniken aus erster Hand. Die bis dato eher schwerfälligen HR-Prozesse boten genug Zündstoff für ihre Geschäftsidee. Mit SeDiDoc will sie die Vermittlung von Honorarärzten an medizinische Einrichtungen vereinfachen und vor allem zeit- und geldschonender gestalten. Dazu hat die versierte Leipzigerin mit ihrem 3-köpfigen Team eine webbasierte Matching-Software entwickelt, über die sich die gesamte Buchung abwickeln lässt. „It’s a match“ hieß es jetzt auch für SeDiDoc in puncto Kapitalbeschaffung. Seit Dezember 2019 hat das frisch gegründete IT-Startup mit dem Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS) einen starken Investor an seiner Seite.

Eingefädelt wurde das Frühphasen-Investment durch die MBG, die einen Teil des TGFS verwaltet. Die Beteiligungsgesellschaft wurde erstmals im Herbst 2018 auf Dilan Sinem Sert aufmerksam, als sie ihr Unternehmenskonzept bei den Business Awards des Leipziger Gründerinitiative SMILE pitchte. Seither ist viel passiert. Die Betaversion von SeDiDoc ist zu einer voll funktionsfähigen Software-Lösung für stationäre und mobile Endgeräte herangereift, die bereits in 16 medizinischen Häusern in Sachsen und Nordrhein-Westfalen im Einsatz ist. Das Investment des TGFS ermöglicht der Gründerin nun, die Technologie weiter zu optimieren. Zudem will sie den Vertrieb ausbauen und dabei gezielt auf Multiplikatoren wie Personalvermittlungen setzen. Darüber hinaus gilt es, einen zusätzlichen Investor zu finden. Auch dieser Milestone dürfte sich mit der TGFS-Beteiligung als Aushängeschild jetzt deutlich schneller erreichen lassen. Die Betreuung durch die MBG erlebt Dilan Sinem Sert unterdessen als extrem hilfreich: „Die Berater der MBG sind jederzeit persönlich für mich da und ich bin mehr als dankbar, mit SeDiDoc von ihren Erfahrungen in der Startup-Finanzierung profitieren zu können. Das konstruktive Feedback macht die Beteiligung für mich nochmals kostbarer als der rein finanzielle Wert.“ Weiterhin betont die Nachwuchsunternehmerin: „Wir verstehen das Investment des TGFS als Vertrauensvorschuss, der mich und mein Team motiviert weiter unser Bestes zu geben.“

Weshalb der TGFS die „Software as a Service“ des Startups für längst überfällig hält, erklärt Beteiligungsmanager Patrick Krahl: „SeDiDoc verfolgt eine neuartige Digitalisierungsstrategie in der Nische der Personalvermittlung von Vertretungsärzten, welche bisher noch vollständig durch analoge Lösungen und langandauernde Prozesse gekennzeichnet ist.“ Als frühere personalverantwortliche Stationsärztin weiß Dilan Sinem Sert zu berichten: Um Lücken in Dienstplänen zu füllen, meldet das Chefarztsekretariat den Bedarf zunächst an die HR-Abteilung. Diese wiederum beauftragt dann meist Personalvermittlungen, die ihre Datenbanken nach geeigneten Fachkräften durchforsten und einzeln per Mail oder Telefon anfragen. SeDiDoc bildet nun die komplette Prozesskette in einem zentralen Tool ab, mit dem auch kurzfristig auf Lastspitzen sowie auf urlaub- oder krankheitsbedingte Ausfälle reagiert werden kann. Mittels künstlicher Intelligenz liefert die Plattform nach Eingabe der Suchkriterien binnen Sekunden Personalvorschläge, wobei der Wunschkandidat direkt online gebucht werden kann. Auch Verträge und Rechnungen generiert das smarte Tool vollautomatisch. „Krankenhäuser und Praxen sparen durch den verringerten administrativen Aufwand nicht nur wertvolle Zeit, sondern auch jede Menge Geld“, beschreibt Dilan Sinem Sert ihre USP. Apropos: Für Ärzte ist SeDiDoc kostenlos, ihre Arbeitskraft wird auf regulärem Niveau vergütet. Das Startup verdient in Form einer Vermittlungsprovision, die der Auftraggeber zahlt. Zukünftig soll es außerdem eine kostenpflichtige Premiummitgliedschaft mit erweiterten Funktionalitäten geben.

Für die Vordenkerin Dilan Sinem Sert bedeutet SeDiDoc weit mehr als eine bloße technische Lösung. Es geht ihr darum, neue Arbeitsmodelle im Gesundheitswesen zu etablieren. Vollzeitjobs mit starren Arbeitszeiten, wie sie bis heute vorherrschen, sind nicht nur der freiheitsliebenden Generation Y ein Dorn im Auge. Auch junge Ärztinnen mit Kindern, die Beruf und Familie zeitlich vereinbaren müssen sowie ältere Berufsgenossen, die nach der Pensionierung noch in Teilzeit arbeiten und etwas dazu verdienen wollen, streben nach flexiblen Beschäftigungsverhältnissen. Ihre persönlichen Erfahrungen untermauert Dilan Sinem Sert mit Zahlen: Aktuell ist rund ein Viertel aller in Deutschland gemeldeten Ärzte nicht ärztlich tätig; allein in Sachsen sind das ca. 7.000 Ärzte. Für sie dürften die Vorzüge der digitalen Jobvermittlung genauso attraktiv sein wie für ihre Auftraggeber. Patrick Krahl vom TGFS zeigt sich optimistisch: „Wir sehen ein großes Innovationspotential auf dem Markt der E-Health-Lösungen, zu dessen Hebung SeDiDoc mit seiner branchenerfahrenen Gründerin einen wichtigen Beitrag leisten kann. Die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft, vor allem mit Blick auf das Digitale Versorgungsgesetz, bestärken den Bedarf an innovativen Software-Tools.“ Dank des TGFS steht SeDiDoc jedenfalls finanziell gefestigt in den Startlöchern, um die Transformation der Arbeitswelt einer kompletten Branche mitzugestalten.

 

Über den Technologiegründerfonds Sachsen

Der TGFS ist ein Risikokapitalfonds, der durch Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) kofinanziert ist. Er beteiligt sich durch die Investition von Eigenkapital und/oder eigenkapitalähnlichen Mitteln an jungen, technologieorientierten Unternehmen, die die Kriterien der EU-Kommission für kleine und mittlere Unternehmen erfüllen und ihren Sitz in Sachsen haben.

 

Bildquelle: SeDiDoc GmbH